Die
letzten hundert Jahre
Die
Konföderation entsteht unter dem Namen Föderation" 1899 in Pistoia, wo
der erste Nationalkongreß der Misericordien stattfindet, der 45 Bruderschaften
beitreten.
Bei dieser Gelegenheit wurde auch der erste nationale Vorsitzende in der Person
des Mitbruders Cesare Sardi di Lucca ernannt, der das Amt mit Engagement und
Hingabe zwanzig Jahre lang ehrte gemäß der Linie, die er in seinem Kongreßbeitrag
angekündigt hatte.
Der
zweite Nationalkongreß fand vom 27. bis 28. Mai 1900 in Florenz statt auf
Einladung der alten florentinischen Misericordia.
Nach
dem Kongreß von Florenz wurde die Veröffentlichung des Bolletino delle
Misericordie" ins Leben gerufen, das bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges
erschien.
Während der Kriegszeit leisteten die der Föderation angeschlossenen
Misericordien in ihren einzelnen Gebieten intensive Beistands- und Hilfsarbeit
und widmeten sich besonders dem schmerzhaften und schweren Bedürfnis nach Hilfe
der ansässigen Bevölkerung und der Flüchtlinge.
Der
erste Kongreß nach Ende des Krieges fand im August 1921 in Prato statt und
führte zur Wahl des neuen Nationalvorsitzenden in der Person von Guido Donati
aus der Misericordia von Florenz.
In jenen Jahren wurde die Publikation des Bolletino" wieder aufgenommen,
die während der Kriegszeit unterbrochen war, und es wurde die Squadra federale
gebildet, um in den zerstörten Gebieten Hilfe zu leisten.
Groß war auch der Beitrag den sie nach den schweren Erdbeben, die in den
folgenden Jahren die Garfagnana, den Mugello und die Lunigiana erschütterten.
Die
Squadra federale war aus 15 der wichtigsten und bestausgerüstetesten
Bruderschaften gebildet worden und konnte neben Ärzten und Krankenpflegern auf
etwa 200 vollständig ausgestattete Brüder zählen.
Italien stand in jenen Jahren an den Anfängen der Hilfsinitiativen bei
Naturkatastrophen, jene Initiativen, die heute vom Zivilschutz bestimmt werden
und in die der Staat erst in den letzten Jahren direkt eingegriffen hat. Damals
existierten in diesem Sektor nur das Heer und die Formationen der sogenannten
Feuerwehrmänner", die noch nicht in ein Nationalkorps zusammengefügt
und nur in einigen Ort präsent waren.
Einige Feuerwehrmannschaften waren unter anderem im Innern der Misericordien
selbst entstanden, unter denen wir besonders an diejenigen der Misericordia von
Prato und von Viareggio erinnern.
Die
Schaffung einer Verbandsmannschaft stellte ohne Zweifel eine wichtige
Vorwegnahme im Sektor des Zivilschutzes dar.
Ein schwerer Angriff auf die Autonomie und die Zukunft eben dieser Bewegung
wurde während der faschistischen Zeit ausgeführt. Das faschistische Regime
verabschiedete in seiner Absicht, jede Form von Hilfstätigkeit im Staat zu
leiten, das bekannte Gesetz, durch das die Freiwilligenverbände ohne
Rechtsperson aufgelöst wurden und verfügte die Konfiszierung ihrer
Ausstattungen und ihres Vermögens zugunsten einer verstaatlichten
Hilfsorganisation: dem Italienischen Roten Kreuz.
So entstand eine Situation schweren und berechtigten Unbehagens für alle
Misericordien, einschließlich derer, die der juristischen Regelung des
sogenannten Crispi-Gesetzes" über öffentliche Wohltätigkeits- und
Hilfsinstitutionen unterstellt waren. Sie fürchteten zu Recht eine Anwendung zu
ihrem Nachteil der besonderen Verfügungen dieses Gesetzes, die es den
öffentlichen Mächten erlaubten, ihre Konzentration" und sogar ihre Umformung"
in Körperschaften unterschiedlicher Art und unterschiedlichen Charakters zu
veranlassen.
Glücklicherweise konnte die Gefahr vermieden werden und die Misericordien
behielten meistens ihren unabhängigen Status und die Kontrolle über die
Aktivitäten, der ihnen durch das Crispi-Gesetz von 1890 auferlegt war, ohne
übrigens ihre Demontage zugunsten des Aufbaus des Italienischen Roten Kreuzes
erleiden zu müssen.
Im
September 1926 nahm der Souverän sogar am Nationalkongreß von Viareggio teil,
um seine Dankbarkeit und die Zuneigung zu den Misericordien zu bezeugen,
während beim folgenden Kongreß von Pisa (1930) ein grandioses Übungsmanöver
der Squadra Federale stattfand.
Nach dem Tod des Vorsitzenden Donati (2. Dezember 1930) trat in Florenz der
Nationalkongreß zur Ernennung des neuen Vorsitzenden zusammen.
Auf diesem Kongreß wurde beschlossen, die Führung der Föderation einem
Triumvirat anzuvertrauen, das sich zusammensetzte aus dem Mitbruder Renato
Macarini-Carmignani, Angelo Badiani und Paolo Guicciardini.
Es
folgten andere Tagungen und andere Interventionen der Squadra Federale, die in
der Zwischenzeit nicht nur eigene Sektoren in vielen Misericordien gebildet
hatte, sondern auch eigene Feuerwehrkorps" geschaffen, nach dem Vorbild
dessen, was einige Bruderschaften schon in den vorhergehenden Jahren realisiert
hatten. Dank dieser Verwirklichungen bildete sie in jener Zeit eine der
stärksten Hilfsorganisationen nationalen Charakters im Land.
Der Ausbruch des schweren Zweiten Weltkrieges reduzierte die Tätigkeit der
Föderation auf nachvollziehbare Grenzen. In ihren verschiedenen Sitzen übten
die Misericordien eine äußerst intensive Hilfsarbeit aus, indem sie der
Bevölkerung auf unterschiedlichste Art und Weise beistand und in die Rettung
von Betroffenen und Verletzten manchmal auch unter dem Toben der Bombardements
eingriff.
Zahlreich sind die Mitbrüder, die ihr Leben heldenhaft während der
Bombardements und anderer trauriger Episoden des Krieges opferten, als sie
versuchten den Verletzten und Bedürftigen Hilfe zu leisten. Die deutschen
Truppen plünderten beim ihrem Rückzug vom italienischen Boden 1945 massiv fast
alle Sitze unserer Misericordien und schafften Hausrat, sanitäre Ausrüstungen
und Krankenwagen fort. Als das normale Leben wieder begann, befand sich die
Mehrheit unserer Misericordien in der traurigen Situation, wieder von vorne
anfangen zu müssen.
Nachdem
die Kriegstragödie beendet war, machte sich die Föderation unverzüglich daran,
die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Arbeit zu stellen. Es wurden
Tagungen in Pescia und in Pisa organisiert. In Florenz wurde am 8. Januar 1947
ein Nationalkongreß abgehalten, bei dem über die Verabschiedung des Textes der
neuen Statuten, die Aufgaben der föderativen Körperschaft erweitert wurden,
die einen ausdrücklich nationalen Charakter erhielt. Bei diesem Kongreß wurde
der Mitbruder Angelo Badiani zum Ehrennationalvorsitzenden und der Mitbruder
Roberto Crema zum ausübenden Nationalvorsitzenden gewählt. Die veränderte und
durch die neuen Energien ihrer Führung belebte Konföderation begann eine
breite Palette von Tätigkeiten, die sich nicht wie in der Vergangenheit auf die
bloße Koordinierung der Misericordien beschränkte, sondern die notwendige und
anspruchsvolle Funktion übernahm, die großzügige spirituelle und
organisatorische Bewegung über ganz Italien zu verbreiten.
Der Konföderation wurde außerdem die Aufgabe anvertraut generelle Probleme der
Bewegung eingehend zu studieren und deren Sprachrohr in jedem Sitz und vor allem
bei den öffentlichen Mächten, namentlich Regierung und Parlament, zu werden.
Seitdem nahm eine Reihe von Nationalkongressen ihren Lauf und der konföderale
Vorsitz setzte ein System häufiger Besuche bei den einzelnen Bruderschaften ein
und leistete außerdem denen, die besonders in Schwierigkeiten waren, konkrete
Hilfe.
Besonders
groß war das Engagement aller Misericordien beim Wiederaufbau des vom Krieg
zerstörten Fahrzeugparks.
In jenen schwierigen, aber an Solidarität und Freiheitswunsch reichen Jahren
entstehen zahlreiche neue Misericordien in verschiedenen Teilen Italiens. 1962
stirbt der Nationalvorsitzende Crema bei einem Flugunfall und hinterläßt
zwischen seinen Mitarbeitern eine traurige Leerstelle. Auf ihn folgt Alfredo
Merlini im Amt des Vorsitzenden, der die Konföderation bis 1985 führte.
1963 wird die Bewegung der FRATRES gebildet, die im Bereich der Blutspende
tätig ist..
1985 folgt auf Alfredo Merlini Francesco Giannelli, Mitbruder und Wachleiter der
Misericordia von Florenz.
Am 14. Juni 1986 werden etwa 10 000 Brüder der Misericordien bei einer Audienz
vom Heiligen Vater empfangen. In der überfüllten Aula Paulus VI."
markiert Johannes Paul II. einen Wendepunkt im Leben der Bewegung, indem er klar
den Weg der Nächstenliebe aufzeigt, den die Misericordien sich zu eigen machen
müssen: dies ist die Aufgabe, die ich euch anvertraue ... seid Antreiber
und Förderer der Kultur der Liebe, seid unermüdliche Zeugen der Kultur der
Nächstenliebe.".
Diese Worte bildeten für die Misericordien einen wahren Wendepunkt.
Die
gramerfüllte Aufforderung des Papstes, mit Diensten der Nächstenliebe, den
Einsatz für den Aufbau eines neuen Modells von Kultur auf der Basis der
Solidarität, des Friedens und des Teilens zu bezeugen, wurde seitdem zu einem
konkreten Bezugspunkt für die ganze Bewegung, der sich in neuer Vitalität und
neuen Initiativen äußerte.
1989 begann die Konföderation mit der Publikation einer neuen monatlichen
Zeitschrift, die den bedeutungsvollen Titel Kultur der Liebe" erhielt.
1990 nimmt die Bewegung der FRATRES einen autonomen Rechtsstatus an und bildet
sich als eigenständige, wenn auch mit der Konföderation verbundene Vereinigung
aus mit der Bezeichnung Consociazione Nazionale Fratres delle Misericordie
d'Italia".
Im
November 1992 versammelten sich die Misericordien zum ersten Mal in ihrer
Geschichte zu einer Welttagung in Florenz mit der Teilnahme von mehr als 200
Delegierten aus allen Kontinenten, die etwa 40 Länder repräsentierten.
Das wichtigste Ergebnis der Tagung war der Einsatz für die Bildung der
Europäischen Union der Misericordien, ein Projekt, über das die Meinungen der
Repräsentanten der Misericordien Italiens, Portugals, Spaniens, Frankreichs,
Monacos, Armeniens, Weißrusslands, Georgiens, Litauens, Moldaviens, Russlands
und der Ukraine einstimmig waren.
Am 14. November erinnerte der Papst, der die Misericordien liebevoll grüßte,
an folgendes: Man kann wohl sagen, daß die Misericordien in allen
Kontinenten ein friedliches Heer aus Antreibern und Förderern der Kultur der
Liebe bilden, unermüdliche Zeugen der Kultur der Nächstenliebe.".
Der Papst bekräftigte seine Aufforderung, die umsichtige Gegenwart Gottes
zu bezeugen", er verabschiedete sich mit einem letzten Aufruf zum
Einsatz der Brüderlichkeit: Es segne die Heilige Jungfrau - sagte Johannes
Paul II. - auch die von euch geführten Bemühungen, damit durch die
programmatischen Beiträge im Einklang mit Organen und Misericordien anderer
religiöser Bekenntnisse die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Gläubigen
wächst, so daß die Ankunft der wirklichen Kultur der Liebe zwischen den
Menschen guten Willens beschleunigt wird.
Ausgehend
von dieser Aufforderung übernahm die Konföderation den Einsatz dafür im
Geiste der Nächstenliebe, Kontakte, Zusammenarbeit und Beziehungen zu Brüdern
unterschiedlichen Glaubens und besonders zu den muslimischen Brüdern in Italien
und in ihren Herkunftsländern zu entwickeln.
Diese Bemühung brachte zwei wichtige Resultate: Im Januar 1993 organisierten
die Misericordien zusammen mit einer karitativen Organisation islamischen
Glaubens (die Human Appeal International) zwei Hilfskolonnen für die
muslimische Bevölkerung, die schwer vom laufenden Bürgerkrieg auf den Gebieten
des ehemaligen Jugoslawiens getroffen wurde.
Anfang Juni 1994 wurde in Florenz das 1. Christlich-Islamische Seminar gehalten,
das die Analyse dreier Krisengebiete in den Mittelpunkt stellte: den Sudan, der
sich mitten im Bürgerkrieg befand und dem schwierigen Zusammenleben zwischen
Christen, Muslimen und Animisten unterworfen ist, Irak-Kuwait, wobei es in
erster Linie um das Problem der Freilassung von 1000 kuwaitischen Bürgern ging,
die seinerzeit in den irakischen Gefängnissen festgehalten wurden, und schließlich
den vom Bürgerkrieg zerrissenen Kaukasus. Die Tagung endete mit einem Moment
großer Spiritualität, in dem sich Katholiken, Orthodoxe und Moslems in einem
Gebet um Hilfe und Hoffnung auf den barmherzigen Gott vereinten.
1995
wurde die U.G.E.M. (Ufficio Gestione Emergenze di Massa) gebildet, der über ein
spezifisches Reglement die Aufgabe anvertraut ist, die Tätigkeiten des
Zivilschutzes der Konföderation zu reorganisieren. Die Konföderation konnte
dank der neuen Strukturen bei der Überschwemmung in Versilia (1996) und im
Erdbeben in Umbrien und den Marken (1997) eingreifen.