"San Pietro Martire",  Beato AngelicoIn der Tradition

Laut Überlieferung wurde die erste Misericordia, die florentinische, 1244 von dem Dominikaner Pietro von Verona gegründet, der später als „Pietro Martire" heilig gesprochen wurde.
Wir befinden uns in den Jahren, in denen der Konflikt zwischen Kirche und Reich am heftigsten wird.
Der Papst verlangt gehorsam, da der Kaiser aus „göttlichem Willen" Kaiser ist und seine Autorität vom Petersthron, dem irdischen Ausdruck des göttlichen Willens, legitimiert wird.

Federico II - "La ruota della Fortuna"  - miniatura  (XIII sec.)Der Kaiser, der die Spitze des feudalen Systems darstellt, verlangt jedoch, in die inneren Angelegenheiten der Kirche einzugreifen, die mittlerweile eine wichtige Komponente in der Verwaltung weiter Teile des Kaiserreiches geworden war. Der Konflikt, der sich mit unterschiedlicher Stärke über zwei Jahrhunderte hingezogen hatte, bricht in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts heftig wieder aus, als Friedrich II. von Hohenstaufen, 1220 im Petersdom von Papst Onorio III. zum Kaiser gekrönt, die kaiserliche Macht wiederherzustellen beabsichtigt.
Der Streit spitzt sich bis 1239 zu, als Friedrich II. die Kardinäle zum Ungehorsam gegenüber dem Papst Gregorius IX. auffordert, der, 1227 eingesetzt, angeklagt wurde, sich aus persönlichen Gründen in innere Angelegenheiten des Reiches einzumischen: Der Papst reagiert darauf mit der Exkommunikation des Kaisers und seiner Anhänger, die ihrerseits angeklagt wurden, sich nicht dem päpstlichen Willen beugen zu wollen.

"Le truppe fedeli a Federico II attaccano i prelati diretti a Roma per il concilio del 1241" - miniatura (XIII sec.)Friedrich II. versucht daraufhin im Jahre 1240, Rom einzunehmen.
Im Jahre 1241 greift eine bewaffnete Flotte von Pisanern, die Friedrich II. treu waren, auf der Höhe von Meloria die genuesischen Schiffe an, die die Prälaten nach Rom bringen, wohin sie vom Papst zum Konzil gerufen worden waren, das für Ostern jenes Jahres bestimmt war.
Friedrich II. führt neben den militärischen Aktionen eine Politik, die darauf abzielt, die Macht der Römischen Kirchen zu schwächen, indem sie all jene unterstützt, die ihr abweisend gegenüberstehen.
Aus diesem Grund begünstigt und schützt er trotz der äußerst harten Gesetze, die er selbst gegen die Ketzerei erlassen hat, in der Tat die Anhänger der „patarianischen" Ketzertums, das in einigen Reichsgebieten besonders aktiv ist.
Der Konflikt breitet sich überall aus, und man kämpft sowohl auf dem Gebiet der Zivilordnungen und der kommunalen Autonomien wie auf demjenigen der religiösen Prinzipien und der Beachtung der Glaubensregeln.

"Innocenzo IV  in trono"  - miniatura (XIII sec.)Pietro von Verona erreicht Florenz gegen Ende des Jahres 1244 unter dem Pontifikat Innozenz' IV.
Seine Anwesenheit in Florenz wurde vom Inquisitor der Stadt selbst gewünscht, dem Dominikaner Ruggero Calcagni, dem es nicht gelang beim Podestà, der ghibellinischen Glaubens war und Sympathien für die Patarianer besaß, die Anwendung der Maßnahmen gegen die Häresie durchzusetzen, die der Kaiser selbst erlassen hatte. („Legenda de Originis", Fra Pietro von Todi vom Orden der Servi di Maria, 1317).
Im selben Jahr bildet er nach dem Beispiel dessen, was er schon 1232 in Mailand ausgeführt hatte, die „Società della Fede" und organisiert die Gläubigen auf territorialer Basis, die wie echte „Miles Fidei" unter die Befehlsgewalt von zwölf Hauptmännern gestellt werden.
Diese intensive Aktivität Bruder Pietros, die die Position der städtischen Kirche stärkte, konnte vom kaiserlichen Podestà nicht unbemerkt bleiben, wodurch sich die Ereignisse überstürzten.

"San Pietro Martire consegna i gonfaloni ai Capitani" - Andrea Bonaiuti (XIV sec.)Am Tag des Hlg. Bartholomäus greift eine Gruppe Bewaffneter, Anhänger des Podestà und von patarianischen Glauben, die Gläubigen an, die in der Kathedrale Santa Reparata versammelt sind, um Bruder Pietro zu hören, und verursacht großes Blutvergießen. 
Wenig später werden die Patarianer bei zwei neuen Angriffen, diesmal auf Trebbio und Santa Felicita, von den bewaffneten „Miles Fidei" zurückgedrängt und die Gruppe der ghibellinischen Ketzer wird gezwungen, die Stadt zu verlassen..

Bruder Pietro verläßt das mittlerweile wieder rein gehaltene Florenz gegen Ende des Jahres 1245. 
Die von ihm gegründetete „Società della Fede" verliert ihre Funktion und löst sich in drei Gesellschaften auf: die Gesellschaft der Vergine, später San Pier Martire genannt, die Gesellschaft von Bigallo und die Gesellschaft der Misericordia.
Bruder Pietro wird 1252 von patarianischen Ketzern in der Nähe von Seveso ermordet werden. 1253 wird er heilig gesprochen.
Diese Rekonstruktion der Fakten, die laut Überlieferung der ersten Misericordia Leben einhauchte, verfügt leider nicht über die ursprünglichen Dokumente, die wegen der zerstörerischen Überschwemmung von 1557 verloren gegangen zu sein scheinen, und wird erst nachträglich durch die Verwaltungsdokumente des folgenden Jahrhunderts bestätigt. („Documenti inediti o poco noti per la storia della Misericordia di Firenze", Ugo Morini, 1940)

"San Pietro Martire" - Ceramica invetriata ( .XVIII sec.)Das Fehlen der Gründungsakten oder einer spezifischen gleichzeitigen Geschichtsschreibung erlaubt heutezutage nicht, die Entstehungsdaten der Gesellschaften endgültig festzulegen, besonders in Anbetracht der Tatsache, daß diese Fehlen der Dokumente für alle vier städtischen Institutionen gilt, die sich für Gründungen des Heiligen halten.
Eine davon, der Orden der Servi di Maria, der seine Ursprünge ausgiebig studiert, bietet einige Anlässe zu neuen Forschungen („Alle Origini dei Servi - Atti della Settimana di Spiritualità", Montesenario 1979)
Laut dieser Studien haben die Servi di Maria und die Gesellschaft des Bigallo gemeinsame Ursprünge in den Laudesi von S. Reparata, die schon 1230 aktiv waren („Legenda de Originis", Fra Pietro von Todi vom Orden der Servi di Maria, 1317).
Folgt man dieser Spur, so würde die Gestalt Bruder Pietros eine andere Rolle in der Geschichte der Gesellschaften übernehmen. Im Gewand des „Koadjutors des Inquisitors" hat er die Aufgabe die Treue der Gläubigen und ihrer in jener Zeit meistens informellen Verbände zu den Doktrinen der Kirche zu überprüfen (zu ermitteln).

"La Madonna della Misericordia" - Bernardo  Daddi (1342) - Affresco nella antica sede della Misericordia di Firenze oggi Museo del BigalloBruder Pietro begreift wohl das Potenzial, das das spontane Vereinswesen der Gläubigen bietet, aber ihr informelle Charakter, das Fehlen von Statuten, die im Einklang mit den von der Kirche gesetzten Prinzipien verfaßt sind, setzt diese Formen von Zusammenschlüssen der Gefahr der Häresie aus, zumal das 4. Laterankonzil von 1215, mit dem Papst Innozenz III. dem patarianischen Ketzertum entgegenwirken wollte, dem Laienvereinswesen genaue Grenzen gezogen hatte.
Als Koadjutor schlägt er daher diesen spontanen Verbindungen vor, übereinstimmendere Statuten und Ordnungen anzunehmen. Im Falle des Ordens der Servi di Maria, der sich informell 1233 gebildet hatte, trifft dies gewiß für das Jahr 1244 zu („Legenda de Originis" Fra Pietro von Todi vom Orden der Servi di Maria, 1317), was die These einer analogen Geschichte für die anderen Gesellschaften nahelegt, die behaupten, im selben Jahr gegründet worden zu sein durch den Erhalt der Statuten vom Heiligen Pietro Martire.
Sogar das Fehlen der Dokumentation würde einige Erklärungen finden in Anbetracht dessen, was im Orden der Servi di Maria geschehen ist. In diesem Falle scheint es, daß die ältesten Dokumente der Servi vom Orden selbst systematisch zerstört oder verborgen wurden, um den Härten der Richtlinien zu entgehen, die 1215 vom 4. Laterankonzil und 1274 vom 2. Konzil von Lyon festgelegt wurden. („I Frati Servi di Santa Maria dalle origini alla approvazione", F. A. Dal Pino, Louvan 1972)

"La prima sede della Misericordia  davanti al Battistero" - Disegno ( XIX sec.)Ebendies könnte auch aus anderen Gründen in den Gesellschaften vorgefallen sein, wenn es stimmt, daß das erste bekannte Dokument, indem die Misericordia erwähnt wird, auf das Jahr 1321 zurückgeht und bezeugt, daß die Gesellschaft zu jenem Moment über das notwendige Kapital verfügt, um ein Haus vor dem Battistero zu kaufen.
Wie ist diese Kapital entstanden? Wer hat die Gesellschaft verwaltet? Warum existieren neben den internen Dokumenten, die bei der Überschwemmung 1557 verloren gegangen sind, nicht andere Akten in den zivilen Archiven der Kommune die neben anderem die wirtschaftliche Aktivität der Gesellschaft bezeugen?
Auf diese Fragen wird man nur über die Entdeckung neuer Dokumente antworten können, die jedoch die Bedeutung der Rolle, die dem Heiligen Pietro Martire traditionell beigemessen wird, nicht verändern, der, falls sich nicht herausstellen sollte, daß er nicht der Gründer ist, sicherlich derjenige ist, der der ersten Misericordia die Festigkeit einer Institution gegeben hat.

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