"La prima sede della Misericordia di Firenze davanti al Battistero" - Disegno (XIX sec.)In der Geschichte

Wenn laut Überlieferung die erste Misericordia, die florentinische, auf das Jahr 1244 zurückgeht, so stammt das erste schriftliche Zeugnis von 1321. Es bezieht sich auf den Erwerb eines Hauses aus dem Besitz von Baldinuccio Adimari, das gegenüber dem Baptisterium lag. (Bibl. Naz. Firenze - Fondo Magliabechiano)
Ebenfalls von 1321 stammt eine Notiz über den „Gottesdienst für den Frieden" zwischen Guelfen und Ghibellinen, der gemeinsam von den Oberhäuptern der Gemeinschaft der Misericordia und des Bigallo veranstaltet wurde.

"I Capitani della Misericordia riconsegnano alle madri i figli smarriti" -  Alfredo Gerini e Antonio Baldese  (1386) - Particolare di affrescoWeiterhin existiert, datiert ab 1330, eine Menge an Akten und notariellen Urkunden, in denen die Gemeinschaft der Misericordia Empfängerin von Hinterlassenschaften und Schenkungen ist. Auf das Jahr 1361 hingegen gehen vier Register zurück, in denen die Namen der Mitglieder nach Stadtvierteln angegeben werden. (Bib. Naz. Firenze - Fondo Magliabechiano).
In jenen Jahren wird die Gemeinschaft von acht Oberhäuptern geführt, zwei je Stadtteil, die so gewählt werden, daß sechs von ihnen zu den Höheren Künsten und zwei zu den niederen gehören.
Mit Mitte des vierzehnten Jahrhunderts beginnt die Gemeinde ebenso wie in anderen europäischen Ländern, den Bruderschaften „größere Aufmerksamkeit" zu widmen, in der nicht erklärten Absicht, ihr Vermögen zu verwalten und ihre Sozialpolitik zu lenken. („Piety and Charity in Late Medieval Florence", John Henderson, Oxford University Press 1994)

"La Medaglia della Misericordia su nastro rosso dal colore della cappa in uso nel XIII sec."Diese politische Linie wurde durch die Haltung der Oberhäupter der verschiedenen Gemeinschaften erleichtert, die ständig auf der Suche nach „politischer Protektion" und „Begünstigungen" für ihre Bünde waren.
Ein bezeichnendes Beispiel stellt die Frage nach den Hinterlassenschaft dar.
Die Gesellschaften waren oft Nutznießer von Erbschaften und Nachlässen von seiten vermögender Bürger, aber der Widerstand der natürlichen Erben machte deren Erwerb für das eigene Vermögen schwierig und trieb die Oberhäupter wiederholt dazu, eine besondere Gesetzgebung zu fordern, die die eigenen Bünde begünstigte.
Im Jahre 1363 wird die Republik eine Maßnahme ergreifen, die den Forderungen der Oberhäupter stattgibt, die aber gleichzeitig das Einstandsrecht des Staates vorsieht als Anleihe im Wert der von den Gemeinschaften als Erbschaft erhaltenen Güter.
Wenig später, im Jahre 1366 wird die Gemeinschaft von Orsammichele, die bei weitem reichste unter den florentinischen Gemeinschaften der Zeit, gezwungen die Nennung der eigenen „camarlinghi" (Vermögensverwalter) seitens der Republik zu akzeptieren.

"Un Fratello cura un ferito" - Miniatura ( XV sec.)Es ist ein allgemeines Phänomen: Im Jahre 1374 verliert die Bruderschaft der Misericordia von Arezzo aus gleichen Gründen die Autonomie und wird, nachdem dem ihr die Rektoren von seiten der Kommune aufgezwungen wurden, zu einer öffentlichen Einrichtung.
Die Reform der Statuten von 1361 und die gute wirtschaftliche Leitung erlaubten der florentinischen Misericordia, die Folgen dieser Politik zu verzögern, aber 1425 wurde sie gezwungen, mit der Gemeinschaft von Bigallo zu verschmelzen und 1440 wurde dem durch die Zusammenlegung neu entstandenen Bund der Camarlingo der Gesellschaft von Orsanmichele aufgezwungen, der, wie bereits gesagt, schon seit langem öffentlich ernannt wurde.
Tatsächlich enden gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts in Florenz sowie im übrigen Europa alle Gesellschaften, die sich Wohltätigkeit und sozialer Arbeit widmen, unter der direkten oder indirekten Kontrolle des Staates, der sie nach den eigenen sozialpolitischen Zielen ausrichtet und reorganisiert.

"Angioletti sostengono un cartiglio della Misericordia" - Santi di Tito - tela (XVI sec.)In Florenz wird die Misericordia als autonome Organisation im Jahre 1490 wiederhergestellt werden mit neuen Statuten, die die Gemeinschaft tief verändern und sie von der alten grundsätzlich verschieden werden läßt, indem sie eine begrenzte und ausgewählte Anzahl an Mitgliedern vorsieht, während ursprünglich die größte Volksbeteiligung vorgesehen war. ("Ritual Brotherhood in Renaissance Florence", R.F.E. Weissmann, New York 1982)

"I Fratelli della Misericordia durante la peste del 1630" - Cigoli  -  particolare da una tela (XVII sec.)In Florenz wie anderswo werden die Gesellschaften mit dem 16. Jahrhundert in der Tat in den Zustand versetzt, sich nur innerhalb der Grenzen der Gemeinde auszudrücken als „Sakramentale Bruderschaften" oder als ausschließliche Hilfsgesellschaften, die vom Volk zu weit entfernt waren, um sich selbst als autonomes politisches Wesen zu bilden. („Italian Confraternities in the Sixteenth Century", C.F. Black, Cambridge 1989)
Dies erklärt, warum sich trotz steigender Anzahl von Gesellschaften und Bruderschaften jahrhundertelang keine gegenseitigen Beziehungen entwickelt haben und wie hingegen jede von ihnen sich weiter konzentrierte auf die eigene, besondere Form der Verehrung und auf den Dienst für die eigene Gemeinschaft.

"Un servizio " - particolare da una stampa (XVII sec.)Die einzige Form des institutionellen Kontakts, der während dieser Jahrhunderte weiter zu leben scheint, stellen die Gelegenheiten gemeinsamer Andacht und Jubelwallfahrten dar.
Ab dem 16. Jahrhundert beginnen die Bruderschaften auf diesem Gebiet, Formen gegenseitiger Vereinigungen aufzustellen, um „Indulgenzen zu erwerben", aus denen sie jeweils Nutzen zogen. („Le più antiche Misericordie", Don Foresto Niccolai, Firenze 1996).
In der Toskana bringt die Politik der Medicis, die 1490 mit der Neugründung der florentinischen Misericordia eröffnet wurde, die voranschreitende Transformation der alten Gesellschaften in „neue" Misericordia-Bruderschaften hervor.
Dieser Prozeß wird am 21. März 1785 plötzlich unterbrochen durch das Dekret zur Aufhebung der Laienbruderschaften, das von Pietro Leopoldo I. von Lorena unter dem Einfluß von Scipione de' Ricci, dem schismatischen und jansenistischen Bischof von Pistoia, erlassen wurde.

Ab 1790, nachdem Ferdinando III. den großherzoglichen Thron bestiegen hatte, durften die Bruderschaften ihre Arbeit, wenn auch nur bedingt, wieder aufnehmen.

"Un servizio col cataletto" - particolare da una stampa (XIX sec.)Da die Misericordia von Florenz dank des Vertrauens, das sie bei der großherzoglichen Regierung genoß, von den Wirkungen des Dekrets von 1785 ausgenommen war, hielten es viele der Bruderschaften für opportun, ihre Gesellschaften der florentinischen Misericordia anzuschließen.
Dem Phänomen des gegenseitigen Anschlusses aus Gründen des Kultes, das sich in den vorangehenden Jahrhunderten entwickelt hatte, fügt sich so im 19. Jahrhundert das Phänomen des Anschlusses an die florentinische Misericordia aus mehr politischen Gründen an: Tatsächlich übernimmt die Misericordia von Florenz für viele Bruderschaften die Rolles des organisatorischen Bezugspunktes. („Le più antiche Misericordie", Don Foresto Niccolai, Firenze 1996).

"Un servizio" - Cartolina Illustrata ( XX sec.)Die Unruhen von 1848 und später die Ausrufung der Einheit Italiens verändern das Bild des politischen Bezugsystems sowie die Hauptstadt, die mittlerweile Rom geworden ist, sorgen dafür, daß die Regierung des Reiches mit größerem Abstand auf die toskanischen Zusammenhänge schaut.
Unter den politisch aufmerksamsten Misericordien formt sich so die Idee der Notwendigkeit eine für örtliche Instanzen und Traditionen der gesamten Bewegung repräsentative Überorganisation ins Leben zu rufen, der die Dialogführung mit der Zentralregierung übertragen wird (Akten des Kongresses von Pistoia)
Im Jahre 1899 versammeln sich in Pistoia die Repräsentanten von 40 Bruderschaften und gründen die „Föderation", die dann 1947 in die „Konföderation" umgewandelt wird. 

WEB Master:Andrea Cavaciocchi Copyright © 2000 - 2002 Tutti i diritti riservati. -Versione tedesca di Anna Fazio