In
der Geschichte
Wenn laut Überlieferung die erste Misericordia, die florentinische, auf das
Jahr 1244 zurückgeht, so stammt das erste schriftliche Zeugnis von 1321. Es
bezieht sich auf den Erwerb eines Hauses aus dem Besitz von Baldinuccio Adimari,
das gegenüber dem Baptisterium lag. (Bibl. Naz. Firenze - Fondo
Magliabechiano)
Ebenfalls von 1321 stammt eine Notiz über den Gottesdienst für den Frieden"
zwischen Guelfen und Ghibellinen, der gemeinsam von den Oberhäuptern der
Gemeinschaft der Misericordia und des Bigallo veranstaltet wurde.
Weiterhin
existiert, datiert ab 1330, eine Menge an Akten und notariellen Urkunden, in
denen die Gemeinschaft der Misericordia Empfängerin von Hinterlassenschaften
und Schenkungen ist. Auf das Jahr 1361 hingegen gehen vier Register zurück, in
denen die Namen der Mitglieder nach Stadtvierteln angegeben werden. (Bib.
Naz. Firenze - Fondo Magliabechiano).
In jenen Jahren wird die Gemeinschaft von acht Oberhäuptern geführt, zwei je
Stadtteil, die so gewählt werden, daß sechs von ihnen zu den Höheren Künsten
und zwei zu den niederen gehören.
Mit Mitte des vierzehnten Jahrhunderts beginnt die Gemeinde ebenso wie in
anderen europäischen Ländern, den Bruderschaften größere Aufmerksamkeit"
zu widmen, in der nicht erklärten Absicht, ihr Vermögen zu verwalten und ihre
Sozialpolitik zu lenken. (Piety and Charity in Late Medieval Florence",
John Henderson, Oxford University Press 1994)
Diese
politische Linie wurde durch die Haltung der Oberhäupter der verschiedenen
Gemeinschaften erleichtert, die ständig auf der Suche nach politischer
Protektion" und Begünstigungen" für ihre Bünde waren.
Ein bezeichnendes Beispiel stellt die Frage nach den Hinterlassenschaft dar.
Die Gesellschaften waren oft Nutznießer von Erbschaften und Nachlässen von
seiten vermögender Bürger, aber der Widerstand der natürlichen Erben machte
deren Erwerb für das eigene Vermögen schwierig und trieb die Oberhäupter
wiederholt dazu, eine besondere Gesetzgebung zu fordern, die die eigenen Bünde
begünstigte.
Im Jahre 1363 wird die Republik eine Maßnahme ergreifen, die den Forderungen
der Oberhäupter stattgibt, die aber gleichzeitig das Einstandsrecht des Staates
vorsieht als Anleihe im Wert der von den Gemeinschaften als Erbschaft erhaltenen
Güter.
Wenig später, im Jahre 1366 wird die Gemeinschaft von Orsammichele, die bei
weitem reichste unter den florentinischen Gemeinschaften der Zeit, gezwungen die
Nennung der eigenen camarlinghi" (Vermögensverwalter) seitens
der Republik zu akzeptieren.
Es
ist ein allgemeines Phänomen: Im Jahre 1374 verliert die Bruderschaft der
Misericordia von Arezzo aus gleichen Gründen die Autonomie und wird, nachdem
dem ihr die Rektoren von seiten der Kommune aufgezwungen wurden, zu einer
öffentlichen Einrichtung.
Die Reform der Statuten von 1361 und die gute wirtschaftliche Leitung erlaubten
der florentinischen Misericordia, die Folgen dieser Politik zu verzögern, aber
1425 wurde sie gezwungen, mit der Gemeinschaft von Bigallo zu verschmelzen und
1440 wurde dem durch die Zusammenlegung neu entstandenen Bund der Camarlingo der
Gesellschaft von Orsanmichele aufgezwungen, der, wie bereits gesagt, schon seit
langem öffentlich ernannt wurde.
Tatsächlich enden gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts in Florenz sowie im
übrigen Europa alle Gesellschaften, die sich Wohltätigkeit und sozialer Arbeit
widmen, unter der direkten oder indirekten Kontrolle des Staates, der sie nach
den eigenen sozialpolitischen Zielen ausrichtet und reorganisiert.
In
Florenz wird die Misericordia als autonome Organisation im Jahre 1490
wiederhergestellt werden mit neuen Statuten, die die Gemeinschaft tief
verändern und sie von der alten grundsätzlich verschieden werden läßt, indem
sie eine begrenzte und ausgewählte Anzahl an Mitgliedern vorsieht, während
ursprünglich die größte Volksbeteiligung vorgesehen war. ("Ritual
Brotherhood in Renaissance Florence", R.F.E. Weissmann, New York 1982)
In
Florenz wie anderswo werden die Gesellschaften mit dem 16. Jahrhundert in der
Tat in den Zustand versetzt, sich nur innerhalb der Grenzen der Gemeinde
auszudrücken als Sakramentale Bruderschaften" oder als ausschließliche
Hilfsgesellschaften, die vom Volk zu weit entfernt waren, um sich selbst als
autonomes politisches Wesen zu bilden. (Italian Confraternities in the
Sixteenth Century", C.F. Black, Cambridge 1989)
Dies erklärt, warum sich trotz steigender Anzahl von Gesellschaften und
Bruderschaften jahrhundertelang keine gegenseitigen Beziehungen entwickelt haben
und wie hingegen jede von ihnen sich weiter konzentrierte auf die eigene,
besondere Form der Verehrung und auf den Dienst für die eigene Gemeinschaft.
Die
einzige Form des institutionellen Kontakts, der während dieser Jahrhunderte
weiter zu leben scheint, stellen die Gelegenheiten gemeinsamer Andacht und
Jubelwallfahrten dar.
Ab dem 16. Jahrhundert beginnen die Bruderschaften auf diesem Gebiet, Formen
gegenseitiger Vereinigungen aufzustellen, um Indulgenzen zu erwerben",
aus denen sie jeweils Nutzen zogen. (Le più antiche Misericordie",
Don Foresto Niccolai, Firenze 1996).
In der Toskana bringt die Politik der Medicis, die 1490 mit der Neugründung der
florentinischen Misericordia eröffnet wurde, die voranschreitende
Transformation der alten Gesellschaften in neue"
Misericordia-Bruderschaften hervor.
Dieser Prozeß wird am 21. März 1785 plötzlich unterbrochen durch das Dekret
zur Aufhebung der Laienbruderschaften, das von Pietro Leopoldo I. von Lorena
unter dem Einfluß von Scipione de' Ricci, dem schismatischen und
jansenistischen Bischof von Pistoia, erlassen wurde.
Ab 1790, nachdem Ferdinando III. den großherzoglichen Thron bestiegen hatte, durften die Bruderschaften ihre Arbeit, wenn auch nur bedingt, wieder aufnehmen.
Da
die Misericordia von Florenz dank des Vertrauens, das sie bei der großherzoglichen
Regierung genoß, von den Wirkungen des Dekrets von 1785 ausgenommen war,
hielten es viele der Bruderschaften für opportun, ihre Gesellschaften der
florentinischen Misericordia anzuschließen.
Dem Phänomen des gegenseitigen Anschlusses aus Gründen des Kultes, das sich in
den vorangehenden Jahrhunderten entwickelt hatte, fügt sich so im 19.
Jahrhundert das Phänomen des Anschlusses an die florentinische Misericordia aus
mehr politischen Gründen an: Tatsächlich übernimmt die Misericordia von
Florenz für viele Bruderschaften die Rolles des organisatorischen Bezugspunktes.
(Le più antiche Misericordie", Don Foresto Niccolai, Firenze 1996).
Die
Unruhen von 1848 und später die Ausrufung der Einheit Italiens verändern das
Bild des politischen Bezugsystems sowie die Hauptstadt, die mittlerweile Rom
geworden ist, sorgen dafür, daß die Regierung des Reiches mit größerem
Abstand auf die toskanischen Zusammenhänge schaut.
Unter den politisch aufmerksamsten Misericordien formt sich so die Idee der
Notwendigkeit eine für örtliche Instanzen und Traditionen der gesamten
Bewegung repräsentative Überorganisation ins Leben zu rufen, der die
Dialogführung mit der Zentralregierung übertragen wird (Akten des
Kongresses von Pistoia)
Im Jahre 1899 versammeln sich in Pistoia die Repräsentanten von 40
Bruderschaften und gründen die Föderation", die dann 1947 in die Konföderation"
umgewandelt wird.