Die
Wurzeln des Phänomens Misericordia"
Das Phänomen der Misericordien, so wie wir es heute kennen, findet seine
Wurzeln in der sozialen und religiösen Tradition der ersten Formen der
Teilnahme der Bürger am Leben der Gemeinde, die unter anderem Bruderschaften
genannt wurden.
Der
Ursprung der Bruderschaften kann bis zu den ersten christlichen Gemeinden selbst
zurückverfolgt werden. Das Christentum ensteht und entwickelt sich gegenüber
der sozialen Zersplitterung in einem dichten Netz von Verbindungen, wie uns die
Apostelgeschichte in Erinnerung ruft. Solche gemeinschaftlichen Gruppen stellen
sich wie eine Föderation von Bruderschaften religiöser und beruflicher Art im
weiteren Sinn dar, wobei jedoch jede ihre eigenen Versammlungen, ihre Statuten,
ihre Beamten, ihre Kasse hat. Jene von den Herrschenden zunächst bekämpfte,
dann geduldete und nachher geförderte Bruderschaften übernahmen
Organisationsformen der sogenannten römischen Kollegien", die sie
allerdings mit dem Geist der Brüderlichkeit der Evangelien belebten. (Jubilaum
Internationale Confraternitatum - Acta", Don Vicenzo Paglia, Roma 1984).
Jedoch erst im Mittelalter nehmen diese Formen der Bürgerbeteiligung am
sozialen Leben eine festere Identität an.
Nachricht davon gibt es schon ab dem 10. Jahrhundert, und im 13. finden wir sie
überall in Europa verbreitet als echtes und eigentliches Gewebe der
Gesellschaft, in dem die religiöse Motivation oft begleitet wird vom Bedürfnis
nach sozialer Geltung und Sicherheit.
Im Innern dieses grandiosen spontanen Phänomens lassen sich dennoch wenigstens
die Umrisse von vier Vereinigungstypen bestimmen.
Darunter sind die Bruderschaften der Verehrung (Gesellschaften der Laudesi usw.),
die all jene in sich aufnehmen, die von derselben Form der Frömmigkeit
angezogen werden (z. B. dem Kult der Eucharistie oder des Rosenkranzes) und die
einer direkteren Beteiligung der Laien an der Liturgie zustimmen.
Dann gibt es die Bruderschaften der Büßer (Gesellschaft der Disciplinati, die
Flagellanten usw.), die den Akzent auf die von den Anhängern verlangte Strenge
des Verhaltens und auf die Notwendigkeit der Reue und der Buße setzen.
Dann gibt es die Handwerksbruderschaften (die c.d. Arti usw.), die um den Kult
des heiligen Schutzpatrons die Mitglieder eines selben Berufes versammeln, ihren
Anhängern Dienste gegenseitiger Hilfe" leisten und ihrer
Kategorie eine Repräsentationsbasis bieten.
Schließlich gibt es manchmal unabhängig und manchmal als Ergebnis der
Entwicklung anderer Vereinigungen enstandenen Wohltätigkeits-Bruderschaften (die
Misericordien in der Toskana, in Spanien und Portugal, die venezianischen
Scholae, die Bruderschaften des Heiligen Geistes aus der Region der Rhone, die
Carità der Normandie, die Bruderschaften von Sevilla, die deutsche
Bruderschaften usw.), die sich in der Ausübung der Nächstenliebe unterscheiden,
indem sie besondere Hilfsdienste leisten, Krankenhäuser führen, Gräber
pflegen usw.
Die Werke der Barmherzigkeit werden nach dem Muster
des Evangeliums MT. 25 einer der Angelpunkte der Tätigkeit der Bruderschaft und
es sind eigentlich diese Vereinigungen, die im Mittelalter den sechs Werken der
Barmherzigkeit des Evangeliums das siebte hinzufügen: das Begräbnis der Toten."
(Jubilaum Internationale Confraternitatum - Acta", Don Vicenzo
Paglia, Roma 1984).
In politisch konfusen Jahrhunderten, in denen es häufig Gelegenheiten zur
Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen zivilen und religiösen Mächten
gab, übernahmen die Bruderschaften sowohl auf religiöser wie auf ziviler Ebene
oft eine Hauptrolle.
Auf religiösem Gebiet waren die Bruderschaften Ausdruck der Bemühung der Laien,
sich einen Raum zwischen der Hierarchie, den Mönchen und dem Volk der
Gläubigen zu gewinnen.
Neben der Ordo clericorum und der Ordo monasticum
wollte sich ein neuer Orden behaupten, die Ordo fraternitatis, die das Ziel
hatte, die frommen und engagierten" Laien in einer Art Zwischenraum
zwischen dem der einfachen Gläubigen und dem der Kleriker zu sammeln. In diesem
Sinn ist das Amt der Bußreform in den mittelalterlichen Verbänden eines der
charakteristischen Merkmale. Die franziskanische Tätigkeit selbst ist verbunden
mit dieser Form von Vereinigung." (Jubilaum Internationale
Confraternitatum - Acta", Don Vicenzo Paglia, Roma 1984).
Auf zivilem Gebiet stellen die Bruderschaften eine der Formen dar, über die
sich der Wunsch nach Teilnahme am sozialen, auch politischen Leben der Gemeinde
äußert.
Die auch wirtschaftlich zunehmende Bedeutung, die einige Bruderschaften annehmen,
zusammen mit ihrer großen Fähigkeit, das Volksgefühl zu mobilisieren, lassen
sie ab dem 14. Jahrhundert zum Ziel wiederholter Versuche werden, ihre
Entwicklung und Aktivität zu zügeln.
Ständig zwischen dem Verdacht der Ketzerei auf religiösem Gebiet und in
Opposition zur politischen Macht auf zivilem Gebiet werden die oft aufgrund von
Schenkungen und Nachlässen sehr reichen Bruderschaften zur meistverbreitetesten
spontanen und freiwilligen Verbindungsform in Europa ab dem 14. Jahrhundert. Mit
diesen Wurzeln und unter diesen Voraussetzungen nimmt das Phänomen der
Misericordien seinen Lauf.