In
der Legende
Traditionsgemäß
wird das Entstehen der Bewegung der Misericordien in der Gründung der
Gesellschaft der Misericordia von Florenz durch den Dominikaner Pietro von
Verona gesehen, die, da die ursprünglichen Gründungsakten verloren gegangen
sind, auf der Basis späterer Dokumente für das Jahr 1244 ermittelt wurde.
Neben dieser Rekonstruktion auf der Basis von Dokumenten hat sich jedoch im
Laufe der Jahrhunderte eine davon abweichende Volkstradition gebildet, die in
einem Träger der Arte della Lana, Piero di Luca Borsi, den Iniziator der
Gesellschaft der Misericordia sieht.
Piero,
Sohn des Luca Borsi war, der Legende nach, ein Mann im vorgeschrittenen Alter
der in Florenz als Träger für die mächtige Arte della Lana arbeitete. Der
Handel mit Wollstoffen stand damals in hoher Blüte und der Transport der Waren,
der den Trägern anvertraut war, war eine intensive und schwere Arbeit, zumal
nicht selten auf reichlich Schlucke Wein zurückgegriffen wurde, um die Mühe
leichter zu machen.
Eine
Gruppe dieser Träger, unter denen sich auch unser Piero befand, hatte die
Angewohnheit, sich zwischen zwei Reisen in der Buca degli Adimari, einer
Weinschenke in der Nähe der Kathedrale, zu stärken.
Diskussionen zwischen Kollegen waren unvermeidlich und häufig. Wohl aus
Erschöpfung, wohl wegen des Weines und sicherlich aus Unwissenheit ließen sich
die Begleiter Pieros oft und gerne gehen und lästerten Gott. Piero, der ein
sehr frommer Mann war, tadelte das Verhalten der Kameraden, ohne jedoch etwas
dadurch zu erreichen. Er hatte dann die Idee, den Kameraden vorzuschlagen, eine
Geldstrafe einzurichten für jedes Mal, wenn einer von ihnen den Namen Gottes
lästerte.
Der Vorschlag wurde angenommen, aber natürlich ließ die Anzahl der
Lästerungen nicht nach, so daß die Summe, die sich nach einiger Zeit aus den
Geldstrafen zusammengetragen hatte, eine beträchtliche Höhe erreichte.
Piero dachte also, daß, wenn er es nicht schaffte,
das Lästern der Kameraden einzustellen, er wenigstens dafür sorgen konnte,
daß die Summe, das Ergebnis der Geldstrafen für die Lästerungen, als
barmherziges Bußgeld für ihre Aussprüche eingesetzt werden sollte.
Er schlug somit den Kameraden vor, von diesem Geld sechs Körbe, die man auf dem
Rücken trug, sogenannte Zane, zu kaufen, mit denen sie die Kranken der Stadt
auflesen und in Heime gebracht werden sollten, wo sie geheilt werden würden.
Die Kameraden willigten ein und setzten eine Vergütung fest für jede der
Reisen, die sie machen würden.
So
fand laut Volksempfinden die Gesellschaft der Misericordia ihren Anfang.
Die erste schriftliche Version dieser Legende findet sich in der Storia
della Compagnia della Misericordia", die von Placido Landini 1779 auf
der Basis älterer Dokumente verfaßt wurde.
Gegen
diese legendenhafte und populäre Rekonstruktion der Geschehnisse ist mehrmals
und beiläufig die Kritik einiger Historiker erhoben worden, die besonders ab
Ende des Jahres 1800 die Inkongruenzen und die Unauffindbarkeit des in
gotisch" geschriebenen Schriftstückes ans Licht geholt haben, das Placido
Landini zitiert. Sie bestätigen hingegen die Person Pietros von Verona als
Gründer, der im Vergleich zu den Gotteslästerern sicherlich mehr mit dem Bild
der frommen Institution übereinstimmt. Dessen ungeachtet hat die Volkslegende
über Piero di Luca Borsi weiterhin einen unveränderten Erfolg bei den Brüdern
zahlreicher Misericordien, die sich seit damals über ganz Italien und in der
Welt verbreitet haben. Es lohnt sich, nach dem Grund dafür zu fragen.
Es
ist nicht zu leugnen, daß die Misericordien trotz der Heiligkeit ihrer
Inspiration und Absichten, gewöhnliche Menschen mit ihren Schwächen und
Fehlern unter ihren Anhängern aufnehmen, und es ist verständlich, daß die
Moral, die den Hintergrund der Legende bildet, mit größerer Wirkung zu ihren
Herzen spricht als das über alle Zweifel erhabene Beispiel des Heiligen von
Verona.
Bei näherem Hinschauen jedoch erscheint die alte Volsklegende überraschend
modern und reich an Hinweisen und Denkanstößen, als handele es sich um ein
Manifest der Bewegung.
Was soll man über die Träger sagen, die freiwillig eine Sanktion ihrer
Irrtümer und den Dienst am Nächsten als Buße einrichten? Ähneln sie nicht
jenen Brüdern, die im Dienst die Abhilfe ihrer Sünden suchen?
Was soll man sagen über Piero selbst, der versucht, die Kollegen zu bessern,
indem er ihre Kräfte zum Guten wendet? Ist dies nicht die Haltung, die von den
Verantwortlichen der Misericordien verlangt wird?
Die Volkstradition (aber hier sollte man vielleicht von Weisheit"
sprechen) scheint unbewußt über die Metapher der Legende das Profil dessen
gezeichnet zu haben, was es bedeutet, an der Erfahrung der Misericordien
teilzunehmen.
Und vielleicht lebt die Legende aus diesem Grund allem und allen zum Trotz.