"Piero di Luca Borsi" - Ritratto di fantasia ( .XIX sec.)In der Legende

Traditionsgemäß wird das Entstehen der Bewegung der Misericordien in der Gründung der Gesellschaft der Misericordia von Florenz durch den Dominikaner Pietro von Verona gesehen, die, da die ursprünglichen Gründungsakten verloren gegangen sind, auf der Basis späterer Dokumente für das Jahr 1244 ermittelt wurde.
Neben dieser Rekonstruktion auf der Basis von Dokumenten hat sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte eine davon abweichende Volkstradition gebildet, die in einem Träger der Arte della Lana, Piero di Luca Borsi, den Iniziator der Gesellschaft der Misericordia sieht.

Piero, Sohn des Luca Borsi war, der Legende nach, ein Mann im vorgeschrittenen Alter der in Florenz als Träger für die mächtige Arte della Lana arbeitete. Der Handel mit Wollstoffen stand damals in hoher Blüte und der Transport der Waren, der den Trägern anvertraut war, war eine intensive und schwere Arbeit, zumal nicht selten auf reichlich Schlucke Wein zurückgegriffen wurde, um die Mühe leichter zu machen.

"Zana" - ricostruzione ( XIX sec.)Eine Gruppe dieser Träger, unter denen sich auch unser Piero befand, hatte die Angewohnheit, sich zwischen zwei Reisen in der Buca degli Adimari, einer Weinschenke in der Nähe der Kathedrale, zu stärken.
Diskussionen zwischen Kollegen waren unvermeidlich und häufig. Wohl aus Erschöpfung, wohl wegen des Weines und sicherlich aus Unwissenheit ließen sich die Begleiter Pieros oft und gerne gehen und lästerten Gott. Piero, der ein sehr frommer Mann war, tadelte das Verhalten der Kameraden, ohne jedoch etwas dadurch zu erreichen. Er hatte dann die Idee, den Kameraden vorzuschlagen, eine Geldstrafe einzurichten für jedes Mal, wenn einer von ihnen den Namen Gottes lästerte.
Der Vorschlag wurde angenommen, aber natürlich ließ die Anzahl der Lästerungen nicht nach, so daß die Summe, die sich nach einiger Zeit aus den Geldstrafen zusammengetragen hatte, eine beträchtliche Höhe erreichte.
Piero dachte also, daß, wenn er es nicht schaffte, das Lästern der Kameraden einzustellen, er wenigstens dafür sorgen konnte, daß die Summe, das Ergebnis der Geldstrafen für die Lästerungen, als barmherziges Bußgeld für ihre Aussprüche eingesetzt werden sollte.
Er schlug somit den Kameraden vor, von diesem Geld sechs Körbe, die man auf dem Rücken trug, sogenannte Zane, zu kaufen, mit denen sie die Kranken der Stadt auflesen und in Heime gebracht werden sollten, wo sie geheilt werden würden. Die Kameraden willigten ein und setzten eine Vergütung fest für jede der Reisen, die sie machen würden.

So fand laut Volksempfinden die Gesellschaft der Misericordia ihren Anfang.
Die erste schriftliche Version dieser Legende findet sich in der „Storia della Compagnia della Misericordia", die von Placido Landini 1779 auf der Basis älterer Dokumente verfaßt wurde.

"Il Fratello della Misericordia" - P. Annigoni  (1970) - AffrescoGegen diese legendenhafte und populäre Rekonstruktion der Geschehnisse ist mehrmals und beiläufig die Kritik einiger Historiker erhoben worden, die besonders ab Ende des Jahres 1800 die Inkongruenzen und die Unauffindbarkeit des „in gotisch" geschriebenen Schriftstückes ans Licht geholt haben, das Placido Landini zitiert. Sie bestätigen hingegen die Person Pietros von Verona als Gründer, der im Vergleich zu den Gotteslästerern sicherlich mehr mit dem Bild der frommen Institution übereinstimmt. Dessen ungeachtet hat die Volkslegende über Piero di Luca Borsi weiterhin einen unveränderten Erfolg bei den Brüdern zahlreicher Misericordien, die sich seit damals über ganz Italien und in der Welt verbreitet haben. Es lohnt sich, nach dem Grund dafür zu fragen.

Es ist nicht zu leugnen, daß die Misericordien trotz der Heiligkeit ihrer Inspiration und Absichten, gewöhnliche Menschen mit ihren Schwächen und Fehlern unter ihren Anhängern aufnehmen, und es ist verständlich, daß die Moral, die den Hintergrund der Legende bildet, mit größerer Wirkung zu ihren Herzen spricht als das über alle Zweifel erhabene Beispiel des Heiligen von Verona.
Bei näherem Hinschauen jedoch erscheint die alte Volsklegende überraschend modern und reich an Hinweisen und Denkanstößen, als handele es sich um ein Manifest der Bewegung.
Was soll man über die Träger sagen, die freiwillig eine Sanktion ihrer Irrtümer und den Dienst am Nächsten als Buße einrichten? Ähneln sie nicht jenen Brüdern, die im Dienst die Abhilfe ihrer Sünden suchen?
Was soll man sagen über Piero selbst, der versucht, die Kollegen zu bessern, indem er ihre Kräfte zum Guten wendet? Ist dies nicht die Haltung, die von den Verantwortlichen der Misericordien verlangt wird?
Die Volkstradition (aber hier sollte man vielleicht von „Weisheit" sprechen) scheint unbewußt über die Metapher der Legende das Profil dessen gezeichnet zu haben, was es bedeutet, an der Erfahrung der Misericordien teilzunehmen.
Und vielleicht lebt die Legende aus diesem Grund allem und allen zum Trotz.

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